Kolumne Teil 2: Kleine Wunder

Meine Wohnung ist blitzeblank wie nie, aber es kommt kein Besuch. Der Liter Diesel kostet keinen Euro, aber du hast keinen Grund weit zu fahren. Und irgendwie verliert man völlig das Zeitgefühl. Manchmal weiss ich gar nicht mehr, was für ein Tag ist. Mein Highlight unter der Woche ist es mittlerweile, wenn mir der muskelbepackte Türsteher vorm Aldi zunickt, dass ich eintreten darf. Dass ausgerechnet mal ein Discounter zum heißestes Club der Stadt avanciert, hättest du dir auch nicht träumen lassen.

Und wie sehr vermisse ich die Stunden beim Friseur! Das Virus macht uns zwar (hoffentlich) nicht zu Zombies, aber bald sehen wir alle so aus! Jeden Morgen nach der Körperpflege fällt mir auf, wie das Grau in meinem Haaransatz mehr wird. Furchtbar! Bald sehe ich aus wie eine dicke Ausgabe von Guido Cantz! Klar könnte ich mir Färbemittel besorgen (wird das eigentlich auch gehamstert?) Aber dann sähe ich aus wie der späte Elvis.

Die tägliche Pflege ist so wichtig. Man darf sich nicht gehen lassen! Mein Nachbar erzählte mir beim Balkonplausch, dass seine Frau keinen BH mehr trägt. Sie dürfe ja eh nicht raus. Jetzt bastelt er aus ihren Büstenhaltern Atemschutzmasken. Ein BH macht zwei Masken. Wirkt gut, sagt er, riecht nur etwas muffelig..

Wie heißt es so schön: Not macht erfinderisch! Ein Freund von mir hat eine Messebaufirma. Alle Frühlingsmessen sind abgesagt worden. Umsatz von 100 auf 0! Jetzt nutzt er sein Know How, produziert Spuckwände für Supermärkte und Arztpraxen und sucht händeringend nach neuen Mitarbeitern. Brauereien brauen jetzt Desinfektionsmittel. Und das Tollste: bei vielen Marken ändert sich geschmacklich gar nichts.

Andere kochen Suppe für Hilfsbedürftige oder bringen Brötchen an die Tür von Isolierten. Denn das ist vielleicht das Großartigste in diesen verrückten Wochen: wie viele von uns einfach nur helfen wollen. Wir müssen Abstand halten und fühlen uns dennoch dem anderen so nah. Aus „Ich“ wird „Du“. Aus Überholspur wird Rettungsgasse. Es ist ein kleines Wunder!

Darf ich Ihnen etwas gestehen? In meinem stillen Kämmerlein schreibe ich an einer Liste. Sie heißt: „Dinge, die bleiben sollten, wenn der ganze Spuk vorbei ist“. Ganz oben steht der Wunsch, dass die Wertschätzung für Pflegerinnen, Feuerwehrleute, Kassiererinnen, Brummifahrer, Seelsorger oder Obdachlosenversorger nicht nur jetzt spürbar ist, sondern sich in unseren Köpfen zementiert. Menschen, für die Empathie kein Notprogramm ist, sondern Alltag.

Der schwäbische Lyriker Friedrich Hölderlin, der gerade seinen 250. Geburtstag feiert, hat einmal gesagt: „Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch“. Hölderlin ist in Tübingen verstorben. Genau da, wo Dietmar Hopp vielleicht schon bald den Wirkstoff gegen Covid-19 findet. Wollen wir es hoffen. Sogar die Fußballfans würden es ihm danken.

In dem Sinne: passen Sie auf sich und andere auf.

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Brüske Von der Kolumne zum ersten Buch
Herzlichen Dank an Hans-Werner Klinkhammels vom General-Anzeiger