Brüske Kolumne Teil 4: es geht auch anders

Gestern wurde ich im Supermarkt angesprochen: „Ach Herr Brüske, ihre Kolumne ist ja soo erfrischend. Toll, dass sie immer gute Laune haben!“ Häää!? Ja, ich bin eine rheinische Frohnatur, aber in den letzten Tagen war ich manchmal so sauer, dass ich mir den ganzen Alkohol, den ich die letzten Wochen in die Hände verrieben habe, hinter die Binde kippen wollte. So viele von uns reißen sich zurzeit das Körperteil unterhalb des Steißbeines auf, um anderen zu helfen.

Aber dann hörst du plötzlich, dass Adidas für seine Geschäfte keine Miete mehr bezahlen möchte. Ein Unternehmen, dessen Jahresgewinn (nicht Umsatz) allein letztes Jahr größer war als das Bruttoinlandsprodukt von Haiti! Mittlerweile hat sich Adidas entschuldigt und will doch Miete bezahlen. Aber man konnte es ja mal versuchen.

Fast schade: ich hatte mich schon darauf gefreut, wenn die Geschäfte wieder auf haben, mir dort die teuersten Sneakers auszusuchen, zur Kasse zu gehen, um dann zu sagen: „Sorry, ich bin Kabarettist, bei mir läuft es gerade nicht so prickelnd. Schicken sie die Rechnung bitte an Frau Merkel!“

Und Adidas ist kein Einzelfall: Va Piano, die Titanic unter den Restaurantketten, meldete wenige Stunden nach Ausrufen der Kontaktsperre Insolvenz an. Und die Warenhauskette Kaufhof/Karstadt, deren Marketingabteilung scheinbar noch von Fred Feuerstein geleitet wird, gibt auch auf. Und hören Sie mir auf mit Amazon! So lange die so gut wie keine Steuern bezahlen, ist das für mich tabu. Macht nur so weiter! Wenn der ganze Spuk vorbei ist, kaufe ich nur noch bei persönlich geführten Läden ein. Da vertraue ich den Menschen an der Kasse, weil sie mit uns durch dick UND dünn gegangen sind.

„In der Krise beweist sich der Charakter“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Würde unser Altkanzler noch leben, hätte er dem Virus wahrscheinlich allein mit dem Qualm seiner Menthol Zigaretten den Garaus gemacht.

Seine politischen Nachfolger erhalten zurzeit viel Zustimmung. Und ja, es wird viel getan. Es entbehrt zwar nicht einer gewissen Komik, wenn Olaf Scholz mit nordischer Pastorenstimme verkündet, dass er die “Bazooka rausholt”. Und der unermüdliche Peter Altmaier, bei dem du dich immer schon gewundert hast, dass sich Politiker von Diäten ernähren, hat sogar seine Wohnung in Berlin gekündigt und schläft bei Anne Will im TV-Studio. Die Politik unternimmt alles, was in ihrer Macht steht. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, ob ich abends zum lieben Gott beten soll oder zu Markus Söder.

Nur bei unserem Gesundheitsminister tue ich mich etwas schwer. Diesem selbstbewussten Münster-länder, der das Virus gerne in „Spahnsche Grippe“ umbenennen würde. Wissen Sie: noch letztes Jahr habe ich mich mit vielen anderen für den Erhalt der Kinderklinik in Sankt Augustin eingesetzt. Wir haben dafür gekämpft, dass unser Gesundheitssystem nicht zur Ware verkommen darf. Die gleichen Experten aber, die noch letztes Jahr die Halbierung unserer Krankenhäuser angeregt haben, fordern jetzt von uns massive Einschränkungen im Alltag, damit unser Gesundheitssystem nicht kollabiert. Ein System, das sie vorher klein gespart haben.

Corona, weltweite Krise, das konnte ja keiner vorher wissen? Doch!

Im Jahr 2013 veröffentlichte das Robert Koch Institut einen Pandemieplan, der fast hellseherisch die jetzige Situation beschrieb und irgendwo in den Behörden versandete. Das wäre so, als ob du sechs Richtige im Lotto hast, aber den Gewinn nicht abholst. Alle Warnungen zu Beginn des Jahres, egal ob von Verbänden oder Herstellern, dass wir nicht ausreichend Schutzausrüstung hätten, wurden in den Wind geschlagen.

Wir haben in Deutschland eine Notreserve an Gold, Rohöl und Konsens, äh Kondensmilch.

Atemmasken, das haben wir gelernt, fallen nicht darunter. Spätestens nachdem der Hauptproduzent China Anfang Februar den Export stoppte, war der Markt überhitzt und manche nehmen inzwischen für eine Schutzmaske locker das 30fache des üblichen Preises. Es könnte einem übel werden. Den Nächsten, der zu mir sagt: „Das regelt alles der Markt“, verurteile ich zu Einzelhaft und 15 Jahre Michael Wendler hören! War das zu hart? „Egal“!

Aber vielleicht können wir das ja alles bei der nächsten Pandemie besser machen.

Der Dalai Lama hat einmal den schönen Satz gesagt: „In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz“. Deshalb trinke ich jetzt meine letzte Flasche Desinfektionsmittel auf Ex und halte die Füße still. Aber sobald wir aus dem viralen Tunnel raus sind, sollten wir dringend alles in Ruhe aufarbeiten. Und dann, liebe neoliberalen Sparfüchse, und das sage ich als Sohn eines Handwerkers, fliegen die Spähne!

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Brüske Von der Kolumne zum ersten Buch
Herzlichen Dank an Hans-Werner Klinkhammels vom General-Anzeiger