Corona Satire Die Geister die ich rief

Ich liebe Fußball! Wenn ich samstags einen Auftritt habe, fahre ich extra früher los, um keine Sekunde von der Übertragung im Radio zu verpassen. Dabei kann ich es gar nicht spielen. In der Schule durfte ich nur deshalb in die Mannschaft, weil wir exakt elf Jungs in der Klasse waren. Ich weiß noch: einmal schoss ich ein Eigentor, da mir niemand gesagt hat, dass Halbzeit war und die Seiten gewechselt wurden. Und glauben Sie es mir: einmal habe ich sogar ein richtiges Tor geschossen. Ich, das „dicke Brüske“! Zwar gegen eine Hobbit-Elf aus der Fünften, aber egal! Ich war damals so stolz, dass ich meinen Klassenkameraden wochenlang auf den (Verzeihung) Sack gegangen bin!

Ähnlich auf den Sack geht uns seit Wochen die Deutsche Fußball Liga mit ihrem Plan, die Saison per Geisterspiele zu Ende zu bringen. Uli Hoeness stellte extra dafür ein paar Röstbratwurstregale als Testlabor zur Verfügung. Und Aki Watzke, der Grund, warum viele Talente den BVB nach spätestens einem Jahr verlassen, saß in jeder Talkshow und blies die Vuvuzela des Verständnisses. Und tatsächlich: in seltener Eintracht stimmten sogar die Landestrainer Laschet und Söder dem verwegenen Plan zu. Die einzige Erklärung dafür könnte sein, dass beide (leicht-) gläubig sind und denken, dass Diego Maradona die „Hand Gottes“ und Toni Turek immer noch der „Fußballgott“ ist.

Bei der Debatte stellte sich auch heraus, dass einige Vereine die TV-Gelder von Mai schon längst verpfändet hatten und die Gefahr bestünde, dass geschichtsträchtige Vereine wie Schalke 04 bald Geschichte sind. Und das wäre nun wirklich schade, denn deren Hauptmäzen Clemens Tönnies geniesst gerade den vollen Spagat zwischen überbezahlten Profis und unterbezahlten Schlachthofmitarbeitern.

Also gab es die kuriosesten Vorschläge zur Fortsetzung des Spielbetriebs: Man könnte die Saison nur mit Elfmeterschießen zu Ende bringen (nicht, dass es mein FC dann noch in die Champions League geschafft hätte). Oder der Ball könnte einen Durchmesser von zwei Metern haben, damit die Abstandsregeln eingehalten werden und Alexander Nübel endlich mal wieder was hält. Aber so weit kam es gar nicht.

Jetzt bauen die ersten Optimisten schon Leinwände vor dem Ikea, damit wenigstens schon mal 2000 Schlange stehende Köttbullar-Fans zusehen können. Dynamo Dresden versteckte vorsorglich seine drei Positivfälle und Hertha BSC suspendierte Herrn Kalou (der mit dem klugen Facebook-Clou).

Eines gleich vorweg: ich male bei diesem gespenstischen Thema nicht so schwarz wie der „Fleisch gewordene Mayakalender“ Karl Lauterbach („ich empfehle uns allen, bis 2022 nicht zu atmen“). Aber ich habe auch Angst. Angst wegen der Vorbildfunktion des Fußballs.

Letzte Woche spazierte ich am Rhein entlang und auf einem Bolzplatz kickten vergnügt vier junge Leute. Auf die Frage, ob sie denn Corona für einen Spieler von Real Madrid hielten, antworteten sie nur trocken: „Die Profis dürfens doch auch!“ Genau das bereitet mir mehr Kopfschmerzen als die sechs Abstiege des 1. FC Köln zusammen. Nicht, dass aus dem Fußball ein Schneeball wird und statt La Ola kriegen wir die zweite Welle.

Es heißt häufig, dass unsere Fußballprofis moderne Gladiatoren sind. Dann lass sie uns auch so behandeln! Steckt alle Spieler und Betreuer während der gesamten Restsaison und zwei Wochen danach in Quarantäne, so wie das die Basketball-Liga plant. Bestraft die Vereine, vor dessen Stadien es zu Fan-Ansammlungen kommt, mit Punktabzug! Und jeder Polizeibeamte, der trotzdem anrücken muss, kostet eine 1000 €- Spende an den Weißen Ring.

Und so mögen die Spiele beginnen…

Ich bete zu Kaiser Franz, dass jetzt nur der Ball ins Rollen kommt und nicht eine Lawine an Neuinfektionen. Und mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Bewunderung vor so viel Chuzpe werde ich wohl Samstagnachmittag wieder vorm Radio hängen. Wenn es doch nur auf dem Weg zu einem Auftritt wäre.

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Brüske Von der Kolumne zum ersten Buch
Herzlichen Dank an Hans-Werner Klinkhammels vom General-Anzeiger